The Who 1984-2017

 

 

The Who waren eine Gruppe, die zwischen 1964 und 1982 18 Jahre lang Rockmusik-Geschichte geschrieben hat und neben den Beatles und den Rolling Stones zu den Top 3 der britischen Bands zählte. Unvergessen sind ihre Hymnen der 60er und 70er Jahre Jahre: My Generation, Substitute, Happy Jack, Magic Bus, Pinball Wizard, Won't Get Fooled Again, nur um einige ihrer Hits aufzuzählen. Sie setzten Meilensteine mit Tommy, der ersten Rock-Oper in der Geschichte der Popmusik, mit dem Livealbum Live At Leeds, mit den Klassikern Who's Next und Quadrophenia. Sie waren Sprachrohr einer ganzen Generation, die Helden der Mods, die Vertreter des Pop-Art; sie überstanden die Hippie- und Glamour-Bewegung und sorgten bei dem legendären Woodstock Festival 1969 für Furore. Ihre Musik war maßstäblich für die Entwicklung des Hard- und Heavy-Rock, sie gelangten als lautester Live-Act ins Guiness-Buch der Rekorde und ihre sensationelle Bühnenshow mit dem rituellen Zertrümmern der Instrumente war spektakulär und einzigartig zugleich. The Who gelten heute noch als Urväter des Punk-Rock.

Dennoch ist nach einer Farewell-Tour das Ende der Who 1983 besiegelt. Wie konnte es aber dazu kommen? Nach dem tragischen Tode ihres Schlagzeugers Keith Moon im Jahre 1978 stehen The Who vor der entscheidenden Frage, ob und wie es denn nun mit der Band weitergehen solle. Sie schlagen vielsprechende Chancen auf musikalische und personelle Entwicklungsmöglichkeiten aus und beschließen, statt dessen ihre musikalische Tradition fortzusetzen. In der Überzeugung, daß Keith Moon es so gewollt hätte, engagieren The Who einen neuen Schlagzeuger. In Kenney Jones, der früher bei den Small Faces trommelte, finden sie recht schnell einen neuen Drummer.

Doch trotz der musikalischen Qualitäten von Kenney Jones stellt sich bald heraus, daß The Who ihrem markanten Image der rebellischen Rockheroen nicht mehr gerecht werden können, sondern daß sie vielmehr zu einer lebenden Legende geworden sind. Zudem wird schon bald der Druck der Plattenfirma spürbar, endlich wieder einmal einen Meilenstein a la Tommy oder Who's Next abliefern zu müssen.

All das macht dem kreativen Kopf der Who, Pete Townshend, in dieser Zeit schwer zu schaffen. Gewohnt, ständig neue Akzente in der Rockmusik zu setzen, gelangt Pete Townshend zu der Erkenntnis, mit den Who irgendwo in einer Sackgasse zu stecken. Im depressiven Selbstzweifel, keine guten Who-Songs mehr schreiben zu können und keine Vision zu haben, wie die Zukunft der Who aussehen könnte, verstärken sich seine Alkohol- und Drogenprobleme immens. Zudem gibt es in der Band gravierende Meinungsverschiedenheiten über den weiteren Werdegang der Who.

Ende 1983 sieht Pete Townshend schließlich für The Who keine Zukunft mehr und verkündet offiziell, daß es kein weiteres Who-Album und auch keine Tournee mehr geben wird. Zu diesem Zeitpunkt ist dies natürlich ein schwerer Schlag für Fans und Musikbegeisterte. Doch so paradox es klingen mag, wird diese Entscheidung, wie sich später herausstellen wird, das Überleben der Who sichern.

Doch zunächst bleibt es dabei: The Who gibt es nicht mehr. Pete Townshend, Roger Daltrey, John Entwistle und Kenney Jones gehen ihre eigenen Wege.

Quasi als Abgesang auf ein erfolgreiches Kapitel Musikgeschichte bringt die Plattenfirma im Jahr 1984 noch zwei Alben der Who heraus. Zum einen das mit Who's Last betitelte Doppel-Album von der letzten Tour und gleichzeitig eine Singles-Compilation mit den größten Hits.

Das wäre es auch endgültig gewesen, doch im Sommer 1985 gibt es noch einmal ein kurzes Lebenszeichen der Who. Dank der überzeugenden Überredungskünste Bob Geldoff's treffen The Who am 13. Juli im Londoner Wembley Stadion noch einmal zusammen, um anlässlich des Live Aid Konzertes aufzutreten. Doch trotz dieser 20-minütigen Reunion lassen The Who, die wiederum mit Kenney Jones auftreten, keinen Zweifel daran, daß es sich bei diesem Auftritt lediglich um ein einmaliges Ereignis handelt und daß es The Who auch in Zukunft weiterhin nicht geben wird.

Tatsächlich bleibt es auch bei diesem kurzen Gastspiel. In den folgenden zweieinhalb Jahren tut sich in Sachen The Who nahezu gar nichts mehr und Fans und Fachpresse scheinen sich mit dem endgültigen Ende der Who allmählich abzufinden. Lediglich 1985 und 1987 erscheinen noch mit Who's Missing und Two's Missing zwei Alben, die seltenes und teilweise unveröffentlichtes Material enthalten.

Dennoch kommen The Who im Februar des Jahres 1988 noch einmal kurz auf einer Bühne zusammen. Von der Dachorganisation der britischen Phonoindustrie wird ihnen ein Preis für "allgemeine Verdienste" verliehen. The Who bedanken sich bei dieser Veranstaltung mit einem Minikonzert von drei Songs. Erneut sitzt Kenney Jones am Schlagzeug und kann somit gerade noch seine 10-jährige Bandzugehörigkeit zelebrieren, denn dies soll sein letzter Auftritt mit The Who gewesen sein.

Die verliehene Auszeichnung nimmt der mittlerweile Mittvierziger Pete Townshend zum Anlass, auf die langjährige Historie der Who zurückzublicken und er kommt zu der Überzeugung, daß The Who doch eine Band ist, die etwas auszusagen vermag und nicht unwesentlich Rock-Geschichte geschrieben hat. Er denkt sogar darüber nach, anlässlich des 25-jährigen Band-Jubiläums mit The Who noch einmal auf die Bühne zurückzukehren.

Und so kommt es im Sommer 1989 in der Tat zu einer groß angelegten Amerika-Tournee, um das 25-jährige Bandbestehen zu feiern. Weggekommen von dem klassischen 4er-Lineup gestalten The Who für dieses Jubiläum ein monumentales und gut dreistündiges Rock-Spektakel rund um Tommy, wobei viele Musiker und etliche Gaststars mitwirken. So beteiligen sich an der Show über fünfzehn Musiker, darunter eine Bläsersektion, drei Background-Sängerinnen und ihr alter Freund Rabbit Bundrick an den Keyboards. Erstmals seit 1979 sitzt auch Kenney Jones nicht mehr am Schlagzeug. Seine Rolle übernimmt Simon Phillips.

Mit ihrer neuen Show überzeugen The Who ihre Fans und letztendlich auch das Gros ihrer Kritiker gleichermaßen. Vergleichbar mit ihren Erfolgen in den 60er und 70er Jahren gelangen The Who und ihre Musik wieder zu enormer Popularität und außer den alten Fans können sie auch eine riesige Anhängerschaft junger Fans hinzugewinnen. Im Frühjahr 1990 erscheint unter dem bezeichnenden Namen Join Together eine 3LP-Box mit dem kompletten und live mitgeschnittenem Songmaterial dieser Tour.

Doch wer nun glaubt und hofft, daß The Who fortan wieder neue Alben produzieren und erneut auf Tournee gehen werden, der wird sich erneut täuschen. Abermals lassen The Who verlauten, daß dieses ein einmaliges Ereignis ausschließlich zum 25-jährigen Bandjubiläum gewesen sein wird. Für lange Zeit wird es wieder sehr ruhig um die Band.

Das folgende halbe Jahrzehnt wandert jeder der drei "Ur-Who" wieder auf Solopfaden. Das ändert sich auch nicht, als 1994 mit dem Titel 30 Years Of Maximum R&B eine umfangreiche 4CD-Box mit 95(!) Tracks aus knapp 30 Jahren Who-Geschichte herauskommt. Die sehr reichhaltig gestaltete Box beinhaltet teils bislang unveröffentlichte Live- und Studio-Tracks und teils überarbeitete Versionen bereits bekannter Titel, die alle digital remastert wurden. Zum 30-jährigen Geburtstag der Band kann kein schöneres Dokument auf den Markt kommen, welches die musikalische Entwicklung der Who über diesen gesamten Zeitraum so ausführlich darstellt.

Ganze sieben Jahre vergehen seit dem letzten Auftritt, bis The Who doch noch einmal zusammenkommen. Das denkwürdige Ereignis findet am 29. Juni 1996 vor 150.000 Fans im Londoner Hyde Park statt. Verschiedene Künstler, unter anderem Eric Clapton und Bob Dylan treten beim Masters Of Music Festival zugunsten der Prince's Trust Stiftung auf, so auch The Who. In einer ähnlich breit angelegten Show wie auf ihrer 1989er Tour mit Tommy präsentieren Pete Townshend und Co. diesmal ihr zweites Monumentalwerk Quadrophenia.

Unmittelbar nach dem Hyde Park Konzert führen The Who die Quadrophenia-Show noch an sechs Abenden im New Yorker Madison Square Garden auf. Aufgrund der überragenden Erfolge bei ihren Auftritten in London und New York entschließt sich die Band kurzfristig, mit der Quadrophenia-Show erneut auf Tournee zu gehen, zunächst in Amerika und im Frühjahr 1997 auch in Europa. Als Schlagzeuger engagieren sie Zak Starkey, Sohn vom Beatles-Schlagzeuger Ringo Starr.

Die Tourneen werden nicht nur finanziell sondern insbesondere auch persönlich ein voller Erfolg für The Who. Man hat wieder Spaß, gemeinsam auf der Bühne zu stehen. Zusätzlich haben sie mit Zak Starkey einen erstklassigen Schlagzeuger gefunden, der vorzüglich zu dem typischen Who-Sound beitragen kann. The Who existieren fortan wieder als Band und sie gehen weiter auf Tournee.

Diese Live-Reunion der Who wird auch gleich mit einem Live-Album standesgemäß gefeiert. Zwar erscheint nicht wie oft üblich ein Mitschnitt der aktuellen Tour, sondern es wird eine Liveaufnahme von dem 1970er Isle Of Wight Festival veröffentlicht, bei dem sich The Who ähnlich hard und heavy zeigen wie auf ihrem Klassiker Live At Leeds aus dem gleichen Jahr.

Im darauf folgenden Jahr gönnen sich The Who eine kleine Ruhepause. Erst gegen Ende 1999 treten The Who wieder auf und touren mit einigen Unterbrechungen bis Ende 2000 in den USA und England. Mit Zak Starkey, der wohl mittlerweile endgültig seinen festen Platz am Who-Schlagzeug gefunden haben dürfte, und Keyboarder John "Rabbit" Bundrick, der seit jeher als "fünfter" Who gilt, finden The Who nicht nur personell zu ihrer Rockformation aus alten Tagen zurück, sondern sie spielen auch einen Querschnitt aus ihren alten Hits und präsentieren sich so wie es für sie typisch war und ist.

Infolge dessen erscheint sogleich auch eine Zusammenstellung der BBC-Sessions mit alten Radio-Versionen von Who-Hits aus den 60er Jahren. Und um den historischen Bogen von den Who 1965 zu den Who 2000 zu spannen, können die Fans auch gleich noch einige Live-Mitschnitte der zurückliegenden Tour aus dem Internet herunterladen.

Einen weiteren Rückschlag erleidet die Band unmittelbar vor dem Start ihrer 2002 USA-Tournee. Am 27.Juni verstirbt völlig unerwartet und im Alter von 57 Jahren John Entwistle in Las Vegas an einem Herzversagen. Nicht zuletzt auch zu Ehren und in Gedenken an ihren langjährigen Bassisten entschliessen sich Pete Townshend und Roger Daltrey die Tournee durchzuführen. Mit zwei Tagen Verspätung und Pino Palladino an der Bassgitarre sowie Pete Townshends Bruder Simon als zusätzlichem Gitarristen startet die Tour am 1.Juli in Hollywood.

Doch allen Spekulationen über ein nahendes Ende der Who zum Trotz wird die Band aktiver denn je. Während ihrer 2004 Tournee treten The Who erstmals in ihrer 40-jährigen Bandgeschichte in Japan auf, wo bei erster Gelegenheit Pete Townshend seit langem wieder einmal eine Gitarre zu Bruch gehen lässt. Und auch die Fans in Australien dürfen The Who nach 36-jähriger Abwesenheit wieder live auf der Bühne erleben. Im gleichen Jahr erscheinen mit Real Good Looking Boy und Old Red Wine zwei neue Who-Songs auf der Compilation-CD Then And Now.

Und Pete Townshend hat noch mehr parat: Nach 24 Jahren Albumabstinenz - It's Hard wurde 1982 veröffentlicht - erscheint im Oktober 2006 mit dem Titel Endless Wire das neue Studio-Album der Who mit 19 brandneuen Kompositionen aus der Feder des Who-Gitarristen. Begleitet wird die Veröffentlichung durch eine phänomenale zweijährige Welttournee durch 18 Länder. Auch im Anschluss daran präsentieren The Who auf weiteren Mini-Tourneen ihre energiegeladene Show, unter anderem erneut in Japan (November 2008) und Australien (März 2009).

Momentan arbeitet der Who-Genius an einem weiteren musikalischen Werk, das den Titel Floss trägt und in naher Zukunft auf die Bühne kommen soll. Pete Townshend selbst kommentiert: "Die Songs sind durchsetzt mit Surround-Klängen voller komplexer Sound-Effekte und musikalischer Montagen. Floss wird ein musikalisches Klang-und-Licht-Stück, welches besonders für Open-Air-Veranstaltungen und Arenen konzipiert ist." Von 2014 bis 2017 feiern The Who und ihre Fans das 50-jährige Band-Jubiläum mit zahlreichen Veröffentlichungen auf CD und DVD und einer letzten großen Mammut-Tour. Zur Ruhe setzen wollen sich Roger und Pete jedoch auch in Zukunft noch nicht.

[ Redaktionsschluss November 2016 ]